Wildkräuter im Winter

Wildkräuter im Winter

Der Winter gilt als Jahreszeit der Ruhe und des Schlafes. Vorräte, die wir im alten Jahr mit viel Liebe und Fleiß angelegt haben und uns beim Verzehr etwas nostalgisch an den Sommer denken lassen, können nun aufgebraucht werden. Die moderne und bequeme Nahversorgung mit Lebensmitteln ließ uns vergessen, dass die Natur auch in dieser Jahreszeit einen reichlich gedeckten Tisch mit Wildkräutern bietet. Kräuterkundige Menschen bewahrten dieses Wissen bis in die Gegenwart. Der Wunsch vieler Menschen, sich wieder mit der Natur zu verbinden und von ihren Ressourcen zu leben, lässt Hoffnung aufkeimen, dass auch den „Winterkräutern“ wieder erhöhte Aufmerksamkeit zukommt.

Der Winter ist generell die Zeit der Rosettenpflanzen! Viele zwei- und mehrjährige Wildgemüse- und Heilpflanzen besitzen im Winter eine grundständige Blattrosette. Mit gezielter Schulung kann am schon nach kurzer Zeit mehr als nur gängige Rosettenpflanzen wie Spitzwegerich (Plantago lanceolata), Gänseblümchen (Bellis perennis) und Wiesenlöwenzahn (Taraxacum officinale) erkennen. Dazu zählen Vertreter wie Wilde Möhre (Daucus carota subsp. carota), Wilder Pastinak (Pastinaca sativa), Echte Nelkenwurz (Geum urbanum), Gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium), Echter Beinwell (Symphytum officinale), Königskerzen (Verbascum sp.), Wilde Karde (Dipsacus fullonum), Stängellose Primel (Primula vulgaris), Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare), einige Veilchen-Arten (Viola sp.) und Gewöhnliches Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) uvm.

Bei einem Spaziergang in der Natur entdeckt man jetzt entlang von Hecken, Schuttplätzen und Wegrändern oftmals essbare Wildkräuter in gehäuften Mengen. Die Vogelmiere (Stellaria media) ist hier an erster Stelle zu nennen! Die grüne Farbe ihrer zarten Laubblätter durchbricht am Boden die Schicht abgestorbener Laubblätter mit Leichtigkeit, sodass man sie auch mit weniger Erfahrung leicht finden kann. Die einjährige Vogelmiere ist in der Umgangssprache auch unter dem Namen „Hühnerdarm“ bekannt und gehört zur Pflanzenfamilie der Nelkengewächse (Caryophyllaceae). Somit ist die Vogelmiere auch mit dem Seifenkraut verwandt.

Sie blüht das ganze Jahr hindurch. Die Blüte weist aber im Vergleich zum Seifenkraut keinen aufgewölbten Kelch auf, und die Kronblätter sehen mit ihrer weißen Farbe wie kleine Sterne aus. Der zarte Stängel ist kreuz-gegenständig beblättert, wobei die Laubblätter ungeteilt, klein und eiförmig zugespitzt sind. Die Vogelmiere ist eine gute Futterpflanze für Hühner sowie generell für Vögel. Für uns Menschen ist die Vogelmiere ein gutes Wintergemüse! Die enthaltenen Vitamine (Vitamin C) und Mineralstoffe leisten einen wertvollen Beitrag zum täglichen Vitamin-Bedarf. Die einfachste und gängigste Zubereitung ist ein Salat aus frischen Vogelmieren-Blättern. Der Saft der gepressten oder pürierten Laubblätter eignet sich hervorragend zum Färben von diversen Broten, Mehlspeisen, Säften und Aperitifs. Bei der Zubereitung von Essgerichten sollte man aufgrund der enthaltenen Saponine aber darauf achten, nicht zu große Mengen an Vogelmiere zu verwenden. Jedenfalls ist der gute Geschmack der Vogelmiere hervorzuheben. Dieser erinnert ein bisschen an rohem Mais! Schon geringe Beigaben können den Genuss einer Speise wesentlich verbessern! In der Naturkosmetik werden aus der Vogelmiere Hautcremes und Lippenbalsame hergestellt. Die Volksmedizin verwendet Tee-Auszüge bei Erkältungskrankheiten mit Reizhusten sowie bei rheumatischen Erkrankungen.

Milde Herbsttage bewirken, dass nicht alle Wildpflanzen vollständig in Winterruhe gehen. Ein gutes Beispiel ist die Große Brennnessel (Urtica dioica):  laut Lehrbuch sterben die oberirdischen Organe im Herbst ab und Ende Februar/Anfang März beginnen wieder frische Triebe zu wachsen. Seit einigen Jahren treibt die Große Brennnessel aber schon im Herbst in der Streuschicht des Bodens wieder kleine, frische Triebe. Diese können sich an geschützten, frostfreien Plätzen halten und stehen uns auch im Winter als wertvolle Nahrungsressource zur Verfügung! Eine weitere wichtige Pflanze, die uns ausgiebig über den Winter versorgen kann, ist das Klettenlabkraut (Galium aparine). Es wird jetzt zwar nicht ganz so groß wie im Frühling und ist etwas zarter, aber genauso gut zu verwenden. Erkennen lässt es sich sehr leicht anhand der für Labkräuter typischen wirteligen Blattstellung und der Kletthaare. Klettenlabkraut kann in durchaus größeren Mengen für Spinat, Suppen, andere Wildgemüsegerichte eingesetzt werden und ist zudem ein großartiger Geschmacksgeber. Weniger bekannt ist der Einsatz dieser Pflanze im Zuge der Herstellung von Käse. Aufgrund des enthaltenen Lab-Enzyms und der Cumarin-Verbindungen sorgt es wie das Echte Labkraut (Galium verum) für eine natürliche Gerinnung der Milch und einen mild-würzigen Käsegeschmack.

Das frische Grün des Klettenlabkrauts weist auf einen hohen Gehalt an Chlorophyll hin, und es ist auch bekannt, dass die Pflanze reich an Mineralstoffen ist.

Generell waren die letzten Winter im Osten Österreichs zum Teil recht mild! Sogar im Jänner und Februar gab es mehrere Tage mit über plus 10 ° Celsius. Dadurch werden vor allem frostbeständige Wildkräuter zum Blühen angeregt! Hier kann man das Gänseblümchen (Bellis perennis) an die erste Stelle setzen! Es folgen neben Vogelmiere (Stellaria media) und Wiesenlöwenzahn (Taraxacum officinale) etwas unerwartet einige Taubnessel-Arten (Lamium sp.), das Gewöhnliche Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris), Persischer Ehrenpreis (Veronica persica) und Stängellose Primel (Primula vulgaris). Sogar einige giftige Wildpflanzen kann man jetzt blühend finden. Dazu zählen beispielsweise das Gewöhnliche Greiskraut (Senecio vulgaris), der Gemeine Efeu (Hedera helix) und die Sonnwend-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia).

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